Wir nehmen die Welt nicht direkt wahr, sondern durch verschiedene Filter, die untereinander in Verbindung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Filter sind u.a. die eigene Erfahrung, Erwartungen, daraus folgende Ergänzungen, der Hormonhaushalt und das Selbstwertgefühl.

Ca. 80% unserer Wahrnehmung der Welt besteht aus eigenen Assoziationen, Ergänzungen und Filtermechanismen. Die Kenntnis über die Existenz der Filter und ihrer Funktionen befähigt uns demnach, auf 80% der eigenen Welt aktiv Einfluss nehmen zu können und somit nicht zum Opfer äußerer Umstände zu werden, wo es sich vermeiden lässt. Für diese Gestaltungsfreiheit bedarf es der Verantwortungsübernahme für die eigene Wahrnehmung.

Wir nehmen bewusst und unbewusst wahr. Jede Sekunde wirken von außen und innen Millionen Sinneseindrücke auf uns ein, die bewusste Verarbeitung kann nur ca. 40 davon pro Sekunde verarbeiten. Das auf ein Längenmaß übertragene Verhältnis von Bewusstsein zu Unterbewusstsein ist 15 mm Bewusstsein zu 11 km Unterbewusstsein, nicht gerechnet weitere 10 km für Atmung und Verdauung.

Grundlagen der Wahrnehmung – ein psychologisch-philosophischer Supermarkt

 

CBT potential 400Auf einen Blick:
- Wir nehmen die Welt nicht direkt wahr, sondern durch verschiedene Filter, die untereinander in Verbindung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Filter sind u.a. die eigene Erfahrung, Erwartungen, daraus folgende Ergänzungen, der Hormonhaushalt und das Selbstwertgefühl.

- Ca. 80% unserer Wahrnehmung der Welt besteht aus eigenen Assoziationen, Ergänzungen und Filtermechanismen. Die Kenntnis über die Existenz der Filter und ihrer Funktionen befähigt uns demnach, auf 80% der eigenen Welt aktiv Einfluss nehmen zu können und somit nicht zum Opfer äußerer Umstände zu werden, wo es sich vermeiden lässt. Für diese Gestaltungsfreiheit bedarf es der Verantwortungsübernahme für die eigene Wahrnehmung.

- Wir nehmen bewusst und unbewusst wahr. Jede Sekunde wirken von außen und innen Millionen Sinneseindrücke auf uns ein, die bewusste Verarbeitung kann nur ca. 40 davon pro Sekunde verarbeiten. Das auf ein Längenmaß übertragene Verhältnis von Bewusstsein zu Unterbewusstsein ist 15 mm Bewusstsein zu 11 km Unterbewusstsein, nicht gerechnet weitere 10 km für Atmung und Verdauung.

- Ergänzungen aus dem Unterbewusstsein geschehen 500- bis 2.000-mal schneller, als wir das bewusst wahrnehmen können.

- Der Mensch ist das Ergebnis seiner Entwicklungsgeschichte, die immer noch in unseren Körpern steckt, wie die im Workshop erwähnten Modelle vom Reptiliengehirn und dem Stresshormontopf aufzeigen sollen.

- Erziehung sorgt in allen Kulturen der Welt dafür, dass wir nur einen bestimmten für die jeweilige Kultur notwendigen Teil unseres eigentlichen Potentials entfalten. Wir lernen und verinnerlichen unsere Kultur über Sprache und Handlungen. Dabei lernen wir bestimmte kulturelle Programme, sogenannte Meme, die sämtliche Bereiche unseres Lebens umfassen. Wir haben Programme für und gegen die Welt und was in ihr passiert. Die Programme sorgen für das selbstverständliche Ablaufgefühl des Lebens, können aber auch sehr hinderlich sein. Diese Programme laufen größtenteils unbewusst mit der entsprechenden Ergänzungsgeschwindigkeit ab.

- Programme, die im Workshop besprochen wurden, waren Anti-Fehler-Programme und Anti-Kritik-Programme und der Umgang mit ihnen.

- Auch wenn 80% der Welt selbstgemacht sind, fühlt es sich oft nicht so an. Daher werden zuletzt Anti-Ohnmachtsstrategien vorgestellt.

 

1. Verschiedene Welten – verschiedene Filter der Wahrnehmung
Wir nehmen die Welt immer durch Filter wahr, die unsere persönlichen Wahrnehmungen lenken und bestimmen. Ungefähr 80 % unserer Wahrnehmung bestehen demnach aus eigenen Assoziationen und Ergänzungen in Form von Gedanken und Gefühlen. Für den Umgang mit Problemen oder allgemein Negativem in der Welt, kann ein Wissen um die Existenz der Filter und ihrer Funktionsweisen helfen, die eigene Welt, dort wo sie scheinbar schwer, schlecht, oder unangenehm erscheint, aktiv umzugestalten. Zumindest zu 80%.

Die Filter sind mit einer Scheibe vergleichbar, durch die wir die Welt wahrnehmen. Wenn die Welt trüb und grau erscheint, kann das somit mehrere Gründe haben. Entweder ist es tatsächlich draußen grau, oder die Scheibe ist verschmutzt. Die Feststellung, dass 80% unserer Wahrnehmung der Welt aus eigenen Assoziationen besteht, heißt dementsprechend, dass in 80% der Fälle die Scheibe verdreckt ist. Fensterputzen ist möglich, Wettermachen nicht. Aber auch das muss kein Problem sein, wenn man sich aktiv mit den unveränderbaren Teilen auseinandersetzt, anstatt sie nur passiv über sich ergehen zu lassen. Da wir der Welt immer erst über unsere Wahrnehmung begegnen, ist das, was wir wahrnehmen, unser Ausgangsmaterial für unsere Wirklichkeit, was im Alltag oft mit der Wirklichkeit gleichgesetzt wird.

Ein Wissen um die Filter, ihre Funktionsweisen und Zusammenhänge kann bei der Unterscheidung von unserer Wirklichkeit, ihrem „Ausgangsmaterial“ und beim Scheibenputzen helfen. Jede Aufregung über Schmutz an der Scheibe kostet unnötige Energie, die wiederum fehlt, wenn es gilt, die existenten Probleme dahinter zu lösen.

 

2. Bewusst und unbewusst
In unserer Wahrnehmung der Welt arbeiten Bewusstsein und Unterbewusstsein Hand in Hand. Dabei fühlt sich für uns ein Stück vom Kuchen, oder genauer ein Krümel, nicht nur wie der ganze Kuchen, sondern wie die gesamte Bäckerei an. Wenn man das Verhältnis von Bewusstsein und Unterbewusstsein in Längenmaße überführt, kommt auf einen 15 mm großen Bereich Bewusstsein ein Unterbewusstsein von 11 km Länge. Atmung und Verdauung, weitere 10 km, nicht mitgerechnet. Jede Sekunde wirken Millionen Sinneseindrücke aus der Umwelt und aus unserem inneren auf uns ein. Die bewusste Verarbeitung endet bei 40 davon. Das ist die Auswahl, die unsere bewusste Welt ergibt. Trotzdem nimmt unser Unterbewusstsein den Rest mit auf und verstaut ihn mehr oder weniger geordnet in einer 11 km langen und dunklen Rumpelkammer. Durch diese Rumpelkammer laufen wir mit einer Taschenlampe mit 15 mm Durchmesser und suchen, was die Taschenlampe finden will. Was wir bewusst suchen oder unser Bewusstsein auf der Suche lenkt, das werden wir finden. Es ist, als ob wir die Taschenlampe darauf ausrichten, genau das zu finden.
Ist die Taschenlampe auf Problemsuche, übersehen wir leicht den Rest, wie Lösungen und positive Aspekte des gleichen Sachverhaltes, da sie darüber hinweg leuchtet. Der biblische Ausspruch „Sucht, dann werdet Ihr finden“ erhält durch die psychologischen und physiologischen Aspekte der Wahrnehmung eine weltliche Gewissheit.

 

3. Erfahrung
Einer der stärksten Filter ist unsere eigene Erfahrung. Sie bilden unsere gedankliche und emotionale Ausstattung und führen davon ausgehend zu Ergänzungen in jedem Wahrnehmungsprozess. Diese Ergänzungen geschehen 500- bis 2.000-mal schneller, als wir bewusst wahrnehmen können. Die Ergänzungen in unserem Kopf bilden den Text unserer Wirklichkeit, den wir hören (im Kopf also sehr nah und meist lauter als die Stimmen unserer Mitmenschen) und den wir allzu leicht mit dem Geschehen verwechseln, das sich außerhalb unseres Kopfes ereignet. Dass das bei allen Menschen passiert, macht die Sache mit der Kommunikation nicht einfach. Vor allem, wenn die Beteiligten nichts über diese Prozesse wissen.

Ein Beispiel aus dem Workshop war der Kellner im Restaurant, der an den Tisch kommt, „Schwein“ sagt und als Antwort ein freudiges, „das bin ich“ erhält. Jeder, der im Restaurant die Erfahrung gemacht hat, dass Kellner den Satz „wer ist derjenige, der Schweinefleisch bestellt hat“ durch ein schlichtes „Schwein“ abkürzen, wird sich nicht angegriffen fühlen, sondern sich über sein Essen freuen. Die Umgebung bedingt dabei die Art der Ergänzungen (500- bis 2.000-mal schneller als bewusst), da Wahrnehmung und Ergänzungsprozesse immer im Jetzt stattfinden.

Im Negativen prägen Probleme, die wir z.B. mit einem bestimmten Menschen hatten, unsere Wahrnehmung dieses Menschen im Jetzt, da wir immer negativ ergänzen werden. Wir bestätigen uns selbst, damit wir in der negativen Sicht auf den Anderen vor uns selbst Recht behalten. Wenn wir Recht haben, ist das für unser Hirn ein angenehmer Zustand, in dem wenig Energie verbraucht wird. Das mag das Hirn und ergänzt in diese Richtung mit der Folge, dass wir ungute Zustände oft aufrechterhalten, weil der Moment der Bestätigung, des „hab ich doch gewusst“, unbewusst sehr angenehm ist.

Unsere Sorgen fallen ebenso in die Kategorie von Erwartungen und lenken dementsprechend unsere Wahrnehmung. Auch hier leiten wir von unseren Erfahrungen ab, was uns oder anderen passieren könnte. Die Sorge oder auch das ihr zugrundeliegende pessimistische Denken sorgen dadurch zum einen für einen Selbstschutz. Sie ermöglichen uns, auf eine Gefahr, die noch nicht vorhanden ist, rechtzeitig zu reagieren. Wenn es aber keine Gefahr gibt und wir immer das Schlechte oder Gefahren erwarten, lenkt diese Annahme (bewusste Einstellung des 15 mm Scheinwerfers Bewusstsein auf „alles ist gefährlich“) unsere Wahrnehmung. Wir wollen dann diese Gefahr auch in unseren 11 km Unterbewusstsein finden und schaffen das in der Regel sehr erfolgreich. Sorge und Pessimismus können dadurch sowohl Schutz vor Gefahren als auch Schmutz auf unserer Filterscheibe sein.

Die Beziehung von Bewusstsein und Unterbewusstsein ist zu komplex, um hier einfache, Wenn-Dann-Lösungen anbieten zu können. Das Bewusstsein und die damit einhergehenden Betrachtungen des Selbst oder der Welt lassen sich nicht direkt „umprogrammieren“. Das Unterbewusstsein nimmt immer Einfluss auf das Bewusstsein, und die Menge der über die Lebenszeit aufgenommen Informationen ist nicht zu überblicken. Diesbezüglich gleicht jeder Mensch einer zwar nicht unentdeckten, aber größtenteils unerschlossenen Insel. Wir wissen, dass wir da sind, weil wir uns sehen, hören, anfassen und die Welt erleben können. Ein genaues Bild davon, wie wir sind, was uns antreibt, warum das so ist und was alles unsere Wahrnehmung und damit unsere Welt beeinflusst, müssen wir uns erst verschaffen.
In jedem Moment, in dem wir wahrnehmen, besteht die Möglichkeit, unsere Gedanken und Gefühle zu beobachten. Durch solche Beobachtungen werden Gedanken und Gefühle bewusst und können aktiv gestaltet werden. Die Fragen nach dem „Warum“ („Warum geht es mir gerade so?“, „Warum sage ich das?“, „Warum denke ich, dass?“, usw.) können als Kompass dienen, um der eigenen Freude wie empfundenem Leid auf die Spur zu kommen. Wenn wir uns in Momenten der Freude aktiv beobachten, erhalten wir einen differenzierteren Aufschluss darüber, was uns froh sein lässt und wie wir uns fröhlich machen. Umgekehrt sind unangenehme Gefühle in bestimmten Situationen mit einem Stein im Schuh zu vergleichen. Wer nachschaut, warum es drückt, muss kurz stehen bleiben, kann dann aber womöglich leichter weiterlaufen.

Erfahrung, Erwartung und Ergänzungen spielen auch bei unserer Angst, Fehler zu machen, oder unserem Umgang mit Kritik eine Rolle. Dazu mehr beim Punkt Fehler und Kritik.

 

4. Ein weiter Weg – unser Evolutionsrucksack
Wir, als heutige Menschen, sind das Produkt unserer Entwicklungsgeschichte. Wir sind das Ergebnis eines so lange andauernden Prozesses, dass diesbezügliche Zahlen unsere Vorstellungskraft übersteigen. Ein Modell, das unsere Entwicklungsgeschichte etwas greifbarer werden lässt, ist das sogenannte Zeitrafferjahr von Carl Sagan. Hier wird die gesamte Entstehungsgeschichte der Welt auf 365 Tage verteilt. In diesem Jahr passiert lange Zeit erstmal nichts, am 1. Oktober beginnt das erste Leben, vom 24.12. bis 28.12. ist die Zeit der Dinosaurier und erst am 31.12. gegen 21.00 Uhr betritt der Mensch unserer Gattung, der Homo sapiens, die Welt, um dann um 23.59 Uhr den Ackerbau zu erfinden. Diese letzte Minute bis heute umfasst immer noch ca. 12.000 Jahre. Das, was wir heute körperlich und geistig sind, ist das Ergebnis dieses Prozesses, in dem wir uns wie der Rest der Welt entwickelt haben und Jahrtausende ums Überleben kämpfen mussten. Viele der hilfreichen Lösungen, die uns diesen langen Weg haben überleben lassen, sind uns geblieben. Dazu zählen die Mobilisierung von körperlichen Kräften in Gefahrensituationen oder die Skepsis vor Unbekannten. Was wir früher gegenüber angreifenden Tieren oder angesichts unbekannter Höhlen voller potentiell angreifender Tiere empfunden haben, fühlen wir heute noch angesichts von Stresssituationen in unserem Alltag oder in der Auseinandersetzung mit neuen, unbekannten Ideen, Möglichkeiten oder Veränderungen.

 

5. 3 Gehirne und ein Topf voller Gefühle
Die Entwicklungsgeschichte unseres Gehirns wurde im Workshop durch das Modell der drei Gehirne des Psychologen Paul MacLean erläutert. Das Modell beschreibt verschiedene Entwicklungsstufen unseres Gehirns im Laufe der Evolution. Es ist sehr vereinfachend, eignet sich aber sehr gut, um ein paar wesentliche, also unser Wesen betreffende, Eigenschaften des Menschen zu beschreiben.
Der älteste Teil unseres Gehirns wird darin als Reptiliengehirn bezeichnet. Hier wohnt unser Überlebenstrieb, der noch nicht mal unbewusst, sondern vorbewusst auf die Umwelt reagiert. Wenn unser Gehirn in dieser Region aktiv ist, reagieren wir – wie der Name schon sagt – wie Reptilien entweder mit Angriff, Flucht oder, wenn alles aussichtslos erscheint, mit Lethargie. Darüber liegt das Säugetiergehirn, in dem Lust und Unlust, bspw. Hunger und Sexualität zu Hause sind. Darüber liegt der jüngste Teil, der uns zu den Menschen macht, die wir zu sein glauben, der Neo-Cortex, mit dem wir denken und in dem sich unser Bewusstsein befindet. Je mehr Stress, angenommene Gefahr oder Ungewohntes uns umgeben und uns verunsichern, umso stärker verlagert sich die Aktivität des Hirns in Richtung Reptiliengehirn. Dies geschieht oft schneller als uns bewusst ist.

Das andere im Workshop verwendete Modell zur Veranschaulichung unserer Stressreaktionen war der sogenannte Hormontopf. In diesen Topf tröpfeln die Stresshormone, wenn wir Stress empfinden. Der Boden des Topfes hat Löcher wie ein Sieb, durch die der Stress abfließen kann. Wenn wir viel Stress haben füllt sich der Topf, bis der letzte Tropfen das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt und wir zum Reptil werden.
Wenn wir im Reptiliengehirn aktiv sind, können wir nicht denken. Wir agieren nicht selbstbewusst, sondern reagieren vorbewusst. Wenn wir uns nicht im Überlebenskampf befinden, sondern in einer Situation, die wir mit Verstand und Feinfühligkeit lösen müssen, sollten oder sogar wollen, ist das sehr hinderlich. Das gilt gleichermaßen für uns als auch für unser Gegenüber. Mit einem Krokodil verhandelt man ebenso wenig, wie man als Krokodil verhandelt. Verhandeln setzt einen Austausch voraus und Austausch die Auseinandersetzung mit den Argumenten des Gegenübers; eine gedankliche Leistung, zu der wir in solchen Situationen nicht fähig sind, unabhängig von situationsbedingter Schlagfertigkeit.

An dieser Stelle eine kleine Denkaufgabe bzw. einige Fragen an die interessierten Leser*innen: Kennen Sie ihr inneres Krokodil? Was zeichnet es aus, wie schnappt oder flieht es? Mögliche Handlungsangebote sind: laut zu werden, Vorwürfe auszuteilen oder verletzend zu werden, Türen zu knallen oder auch einfach zu fliehen. Wie geht es ihnen in und nach solchen Situationen? Mögen Sie dieses Gefühl, inklusive dem Gefühl, das die durch das Krokodil verursachten Situationen in ihnen hervorrufen? Versuchen Sie, gedanklich einige Situationen zu sammeln, in denen Sie zum Reptil geworden sind. Gibt es verbindende Elemente wie Personen, Handlungen, Situationen?
In Bezug auf die Gefühle kann es sich lohnen, in einem ruhigen Moment die Preisfrage zu stellen, ob Sie diese Gefühle in diesem Ausmaß (Häufigkeit und Intensität) in Ihrem Leben wollen, wo Sie das Krokodil auf ihrem Lebensweg hinbringt und ob Sie dort sein wollen. Wenn Sie diese Elemente klar identifizieren können, besteht die Möglichkeit, das Krokodil immer rechtzeitiger zu erkennen und dementsprechend zu handeln, bevor der Schwellenwert im Stressfass überschritten wird.

Homo sapiens als Hormo sapiens
Unsere Hormone sind ein wesentlicher Filter unserer Wahrnehmung, wie im positiven Fall die rosa Brille, durch die wir einen Menschen sehen, in den wir verliebt sind. Im Fall von Stresshormonen schauen wir nicht durch eine rosa Brille, sondern durch die Augen eines Krokodils auf unsere Gegner. Das können von sonst geliebten Menschen bis hin zu widerspenstigen technischen Geräten viele Dinge sein, die wir bei einem über das Maß gefüllten Stresstopf angreifen oder vor denen wir fliehen wollen.
Dabei passiert folgendes:
- Die Koordination verschlechtert sich, weil Stress oder „Kampfhormone“ (Adrenalin, Cortisol etc.) dem Körper Energie für Angriff oder Flucht bereitstellen. Fingerspitzengefühl ist in Gefahrensituationen nicht gefragt. Deshalb lassen wir in solchen Momenten etwas fallen oder wir stoßen an ein Möbelstück, um das wir sonst immer elegant herumsegeln.
- Denk-Blockaden sind ein weiteres Ergebnis dieses Prozesses.
- Die hormonelle Brille, die im rosa Zustand alle lieblich wirken lässt, lässt im Stresszustand alles gefährlich, bedrohlich und scheußlich erscheinen. Die Mücke wird zum Elefanten, Schmutz und Dreck hängen im Hormon-Wahrnehmungsfilter. Unsere Hormone WIRKEN auf uns und färben unsere WIRK-LICHKEIT, was Metaphern wie die rosa Brille oder Schwarzmalerei umschreiben.
- Wer verneint, dass sich die Wahrnehmung mit zunehmendem Kampfhormonpegel negativiert, der versucht, die Schuld für das eigene Unwohlsein im „Außen“ zu suchen. Wenn die Anderen schuld oder verantwortlich wären, dass es mir schlecht geht, wäre man ihnen ausgeliefert. Das Wissen um die Filter zeigt, wie viel davon das Ergebnis unserer Wahrnehmung ist und wie viel wir dementsprechend gestalten können, wenn wir bereit sind, die Verantwortung für unsere Wahrnehmung zu übernehmen.

Anti-Stress Strategien:
Manchmal werden wir von unseren Emotionen oder gefühltem Stress regelrecht übermannt, sind aber unserem Stresshaushalt nicht hilflos ausgeliefert, denn:
- Der Topf leert sich, wenn: wir 10 Sekunden herzhaft lachen oder 60 Sekunden stark grinsen, um unseren Körper zu überlisten und ihm gute Laune zu signalisieren. Nach diesen Zeiten haben wir einen kurzen Moment, um mit gesenktem Stress-Pegel ein bis zwei Gedanken, die zur Lösung der Stresssituation notwendig sind, zu fassen.
- Dankbarkeitslisten können den Prozess vor allem des Grinsens ergänzen. Wenn die Listen kurz und prägnant sind und immer wieder vor sich hergesagt werden, kann das zu einem positiven Automatismus werden, mit dem wir gegen den Stressautomatismus angehen können, der über uns kommt. Zudem ist das bewusste Aufsagen einer selbsterstellten Liste ein mehrfach bewusster Vorgang. Die Liste wird erstellt, die Reihenfolge festgelegt, die Entscheidung getroffen, sie in einem bestimmten Moment aufzusagen und zu wiederholen, usw. Das richtet den 15 mm Scheinwerfer aus – und zwar auf etwas Schönes, für das die Erstellerin / der Ersteller der Liste dankbar ist und wodurch positive Gedanken, Gefühle und Hormone in das Wahrnehmungssystem eingebracht werden. Bei allgemeinen Stresssituationen empfiehlt sich eine allgemeine Top-Liste der Dinge, für die Sie dankbar sind. Bei personenbezogenen Stressmomenten mit bekannten Personen, die Sie eigentlich nicht angreifen und vor denen Sie auch nicht fliehen wollen, empfiehlt es sich, eine personenbezogene Dankbarkeitsliste zu erstellen und sie mehrfach zu wiederholen, während man seinen Stresstopf leert.

 

6. Programm und Produkte der Umwelt
Der Begriff des Potentials geht auf zwei unterschiedliche Bedeutungen zurück. Zum einen auf das lateinische „potens“ (mächtig), zum anderen auf das lateinische „potentia“ (Möglichkeit). Er beinhaltet potentielle Macht, also eine latente noch schlummernde Kraft und Stärke, die jedoch erst entwickelt oder entfaltet werden muss. Alle Fähigkeiten und Fertigkeiten, die im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe besprochen werden, beziehen sich darauf, vorhandene, aber entweder verlorengegangene oder nicht entdeckte Möglichkeiten und Kräfte zu entfalten.
Wie das graphische Potentialmodell aus dem Workshop aufzeigt, entsteht die Verengung unseres Potentials durch Erziehung, die an Stellen überwunden werden kann, an denen sie uns für ein zufriedenes, kreatives oder auch glückliches Leben im Weg steht. Einer der wichtigsten Aspekte der Erziehung sind die Programme, mit denen man uns zur gewünschten Norm hin erzogen hat. Alle Kulturen der Welt erziehen ihren Nachwuchs. Durch inter-kulturelle Programme unterscheiden sich verschiedene Kulturen, im Workshop verdeutlicht durch den Teig mit Rosinen, aus dem jede Kultur ihr Stückchen kultiviert. Durch intra-kulturelle Programme unterscheiden sich Menschen desselben Kulturkreises voneinander (so erziehen manche Eltern ihre Kinder mehr zur Selbstständigkeit als andere).

Meme – Kultur auf den Lippen, Kultur in der Hand und unter der Haut
Diese Programme, die auf unsere Potentialfestplatte gespielt werden, können nach dem Anthropologen Richard Dawkins als „Meme“ bezeichnet werden. Wir erlernen diese Programme über zwei unterschiedliche Wege.

- Lippe: direkte Unterweisung durch jemanden. Diese Art zu lernen funktioniert über Sprache und bewusst, da eine bestimmte Handlung erklärt und gelernt werden soll. Voraussetzungen sind, dass sich Lehrende und Lernende miteinander identifizieren können und dass die Lerninhalte verstanden und umgesetzt werden können. Sämtliche Regeln einer Gesellschaft, die in die Selbstdarstellung eingehen und sie prägen, werden auf diese Art gelernt und folgt dem Prinzip des: Du sollst…, ich bin…, wir sind…

- Hand: Imitation von jemandem. Wenn wir alles Wissen über unsere Kultur durch Unterweisung (Lippe) lernen müssten, säßen wir zehn Leben lang in der Schule und hätten immer noch kein Gefühl für unsere Kultur, wie zum Beispiel, wenn uns jemand (für unsere Kultur, für das was wir gelernt haben), „zu nah“ tritt. Dieses Lernen geschieht größtenteils unbewusst, mit unserem Elf-Kilometer-Unterbewusstsein und in jedem Moment. Wir speichern Bilder und Handlungen dabei viel nachhaltiger als durch Sprache gelernte Inhalte. Wenn wir sagen, dass ein Bild mehr als 1.000 Worte sagt, knüpft dieses Sprichwort an diese Form des Kulturlernens an. Zudem rufen wir Bilder schneller ab als rational vermittelte Sprache. Das Beispiel aus dem Workshop war der Satz: „Denken Sie zehn Sekunden nicht an einen rosa Elefanten.“ Wenn Sie den Satz gelesen haben, und auf ihrem Speicher das Bild eines rosa Elefanten gespeichert haben, können Sie die Anweisung „nicht“ nicht mehr befolgen, weil wir sofort und unbewusst ergänzen. Durch die Imitation, die Nachahmung von Handlungen und Situationen, bekommen wir auch ein Gefühl für unsere Kultur und unsere Programme. Wir reproduzieren diese Handlungen mit unserem eigenen Körper und schreiben sie in unseren sinnlichen Speicher ein. Das Beispiel aus dem Workshop war der kulturell bedingte „angemessene Abstand“ zu unseren Mitmenschen in verschiedenen Räumlichkeiten.
Es gibt Programme für etwas (z.B. Pünktlichkeit, Ehrgeiz, Fleiß) und Programme gegen etwas (Faulheit, Fehler, Nicht-Wissen, Rülpsen in der Öffentlichkeit). Solange ein Mensch über seine Programme noch nie nachgedacht hat, gilt folgende Spielregel:
Wenn ihm etwas begegnet, wofür er in seiner Erziehung ein Programm erhalten hat, dann findet er das automatisch gut. Begegnet ihm hingegen etwas, wogegen er in seiner Erziehung ein Anti-Programm erhalten hat, dann findet er das ebenso automatisch nicht gut. Wenn jemand etwas Alltägliches tut, wogegen Sie ein Antiprogramm haben, besteht eine große Gefahr, dass Sie diese Person automatisch ablehnen. Das liegt in diesem Sinne nicht daran, dass er es tut, sondern daran, wie Sie das, was er tut, für sich automatisch bewerten. Er entspricht nicht der Norm, zu der wir ‚hin-erzogen‘ wurden und zu der wir uns dementsprechend hingezogen fühlen. Je tiefer ein Programm sitzt, umso natürlicher fühlt sich seine Einforderung an. Es spielt dabei keine Rolle, ob uns das Ergebnis ein gutes Gefühl gibt, wenn jemand unserer Meinung ist, oder ein schlechtes Gefühl, weil wir z.B. Angst haben, einen Fehler zu machen. Das Wort peinlich drückt diesen Zustand sehr bezeichnend aus. Wir verspüren eine körperliche Pein, einen Schmerz, wenn wir gegen eines unserer Programme verstoßen haben, das uns wichtig ist bzw. erscheint.

Anti-Fehler-Programme und Möglichkeiten, sie umzuschreiben
Die Angst vor Fehlern ist ein gelerntes Programm, das uns hindern kann. Es ist anerzogen und kann verändert werden. Das Beispiel aus dem Workshop war der Dreijährige, der mit Bauklötzen einen Turm baut und diesen aus Versehen umwirft und sich freut. Das ist für ihn kein Fehler, sondern ein Ereignis. Er beginnt von Neuem, wird zum Forscher, und wenn er irgendwann merkt, warum er den Turm immer umwirft, lernt er mit Begeisterung.
Die Angst vor Fehlern schränkt unseren Blick ein und führt dazu, dass wir in entsprechenden Situationen viel mehr Energie verbrauchen als nötig ist. Um unsere Anti-Fehler-Programme zu knacken, können wir im Alltag trainieren, unser automatisiertes Verhalten zu verändern, indem wir:
- …jeden Tag einen Fehler zugeben. Die Auswahl ist, wenn wir ehrlich sind, groß genug, und es empfiehlt sich, mit einem kleinen Fehler anzufangen, den wir uns selbst gegenüber eingestehen, um uns zu den größeren Fehlern oder dem Zugeben dieser Fehler vor anderen vorzuarbeiten.
- …jeden Tag einmal die eigene Unwissenheit zugeben und sagen: „Das weiß ich nicht“. Wir werden so oft gefragt oder angesprochen mit „Du weißt ja“. Jedes Mal, wenn wir einfach „ja“ sagen, nehmen wir uns die Möglichkeit zu lernen und bringen Energie dafür auf, uns keinen Mangel eingestehen zu müssen, weil das ja sehr schlimm wäre.
- …jeden Tag einmal um Hilfe bitten. Wir sind weder unfehlbar noch allwissend noch Alleskönner, wie alle Menschen. Regelmäßig um Hilfe zu bitten, hilft, den diesbezüglichen inneren Leugnungsreflex aufzulösen.
Programme sind erlernt. Sie waren nicht von Anfang an vorhanden und können umgeschrieben werden! Dafür müssen sie bewusst wahrgenommen werden, um den Ursachen dieser Wahrnehmung, ihrem Warum, auf die Spur zu kommen.

Kritik und Krokodil – lernen statt beißen
Der Umgang mit Kritik ist an die Angst vor Fehlern geknüpft. Wenn wir kritisiert werden, haben wir, zumindest in den Augen derjenigen, die uns kritisieren, einen Fehler gemacht. Dieser wird in den meisten Fällen instinktiv geleugnet, relativiert und in Relation mit den Fehlern der kritisierenden Person aufgewogen. Ganz Krokodil ist Angriff meist die beste Verteidigung, und wenn das Gegenüber zu groß oder mächtig ist, verbeißt man sich in Umstände oder Schwächere.
Zum Umgang mit Kritik gab es im Workshop den Tipp, in der Situation – wenn noch möglich (Stress und Kampfhormone unter dem kritischen Level!) – nachzufragen, wie die Kritik zu verstehen sei. Formulierungsangebote wären „Erzähl mir mehr darüber“, „Wie meinst Du das?“ oder auch aktives Nachfragen in Form von „Verstehe ich richtig, dass…“, um dann zu wiederholen, was Sie von der Kritik verstanden haben. Soweit zu den gut gemeinten Ratschlägen, die, wenn sie befolgt werden können, zu einer Klärung von entsprechenden Situationen beitragen können. Das Problem ist, dass unsere Anti-Fehler-Programme und die damit verbundene Ausschüttung von Stresshormonen dazu führen, dass wir allzu leicht direkt in Abwehrhandlungen verfallen. Das Modell der Interpunktion, die Zickzack-Linie mit dem Handlungsverlauf von „eine/r distanziert sich, der/die andere nörgelt, darauf distanziert sich der/die Erste weiter, was dem/der Zweiten mehr Grund zum Nörgeln gibt usw.“ sollte diesen Prozess verdeutlichen. Der/die Erste begründet sein/ihr Verhalten mit dem Verhalten des/der Zweiten und umgekehrt. Bezogen auf Kritik führt die Abwehr von Kritik, das Nicht-Hinterfragen von Aussagen oder Verhaltensweisen des Gegenübers, das größtenteils eine Mischung aus ablaufenden Programmen, Ergänzungen und Erwartungen darstellt, zu einer Endlosschleife ohne konstruktive Ergebnisse.
Wenn es gelingt, der Nachfrage ein ernstgemeintes Interesse zu Grunde zu legen und das in Tonfall und Körpersprache dem Gegenüber zu vermitteln, passiert in der Regel Folgendes:
- Sieben von zehn Personen haben nichts zu sagen. Sie wollten nur nörgeln, haben aufgrund anderer Begebenheiten eine schlechte Grundstimmung und merken durch die Nachfrage, dass die eben durch sie geäußerte Kritik haltlos ist.
- Drei von zehn Personen haben etwas Konstruktives zu sagen, das die Situation, die eigene (kritisierte) Handlung oder Haltung verbessern kann, wenn wir aus der Aussage etwas lernen wollen. Hier empfiehlt es sich, den Forschergeist des dreijährigen Bauklotzbauers ins Gedächtnis zu rufen und dankbar zu sein, etwas lernen zu können.
Da es zu diesem Themenbereich des Workshops viele Nachfragen gab, hier nochmal eine detailliertere Liste an Möglichkeiten im Umgang mit Kritik und den Situationen, in denen Sie kritisiert werden:
 Distanz einnehmen: Wenn Sie mit Ihren eigenen Fehlern und Schwächen konfrontiert werden, ist das nie angenehm. Die normale Reaktion hierauf ist es, dass man sich verteidigt, rechtfertigt oder gar zum Gegenangriff übergeht. Dies ist zwar „menschlich”, aber nicht unbedingt förderlich. Lassen Sie sich daher nicht von den Gefühlen, die diese Kritik in Ihnen auslöst, überrennen. Sehen Sie vielmehr das Feedback als konstruktive Kritik mit der Chance, daran zu wachsen.
 Keine Rechtfertigung: Sobald man auf Fehler aufmerksam gemacht wird, ist es einfach, einen Umstand oder gar andere dafür verantwortlich zu machen. Das Problem hierbei ist, dass Sie damit zeigen, dass Sie nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Sinnvoller wäre es, die Kritik erst einmal anzunehmen und diese dann sacken zu lassen.
 Richtig zuhören: Die Menschen warten nur darauf, endlich zu Wort zu kommen, um sich dann umgehend zu verteidigen, und vergessen hierbei, sich auf das Gesagte zu fokussieren. Richtiger wäre, dass Sie Ihr Feedback-Gegenüber erst seine Sicht der Dinge erläutern lassen und Sie sich dabei auf die einzelnen Punkte, die beanstandet oder kritisiert werden, konzentrieren. Was stört die Person und warum?
 Fragen Sie nach: Sehr oft kommt es vor, dass die Frequenz, auf der sich Feedback-Geber/in und Feedback-Nehmer/in befinden, nicht dieselbe ist. Daher ist es sinnvoll, sollten Sie das Gesagte nicht nachvollziehen oder verstehen können, nachzufragen. Bitten Sie das Gegenüber darum, die beanstandeten Punkte weiter auszuführen und genauer zu definieren. Sagt die andere Person zwar, was sie stört, jedoch nicht, was Sie selbst verbessern könnten, bitten Sie sie um Verbesserungsvorschläge.
 Einfordern von Spielregeln: Fordern Sie Spielregeln ein – denn nur so können Sie eine andere Person, sollte diese Sie ungerechtfertigt kritisieren oder gar persönlich werden, auf die gemeinsam festgelegten „Spielregeln” hinweisen. Kein Mensch muss sich für einen Fehler anbrüllen und gar „fertigmachen” lassen. Kochen die Emotionen hoch, sollte das Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt werden.
 Sie entscheiden, wie viel Feedback Sie annehmen: Beachten Sie, bei jedem Feedback erhalten Sie „nur” die Meinung des/der Feedback-Gebenden. Vergleichen Sie daher diese mit Ihrer Sicht (Selbstwahrnehmung / Fremdwahrnehmung). Überlegen Sie dann ehrlich: Hat die andere Person vielleicht recht – und in welchem der besagten Punkte? Werde ich mich oder meine Arbeit verbessern, wenn ich die andere Sichtweise teile und Vorschläge annehme? Fruchtbar wird Feedback erst dann, wenn die Person, die es erhält, die Bereitschaft mitbringt, sich zu verändern.
 Dankbarkeit für Kritik ist keine Schwäche: Dankbar dafür sein, dass mir jemand meine Fehler vorhält – geht’s noch?! – werden Sie vielleicht jetzt sagen. Aber bedenken Sie: Es erfordert sehr viel Mut zu kritisieren. Denn auch Ihr Feedback-Gegenüber weiß, dass diese Situation für Sie unangenehm ist. Trotzdem hat die Person das Gespräch gesucht und drückt damit ihr Interesse an der weiteren Zusammenarbeit mit Ihnen aus.
 Die richtige Körpersprache: Gehen Sie mit einer offenen Körpersprache (gerader Oberkörper – offen die Hände auf dem Tisch präsentieren) ins Gespräch. Verschließen Sie nicht die Arme vor Ihrem Körper, da eine solche Haltung auf Verschlossenheit und/oder Ablehnung hindeuten kann.
TIPP! Mit Anti-Stress-Strategien kombinieren. Je leerer der Stresshormontopf ist, umso eher gelingen diese einzelnen Schritte in der Umsetzung und Verkörperung. Der unbewussten Wahrnehmung entgeht nichts. Diese Regeln als Katalog stur abzuarbeiten, ist ein guter Anfang, aber je mehr Sie ihrem Gegenüber und sich selbst das Gefühl vermitteln, wirklich gehört zu werden, um verstanden werden zu wollen, umso mehr wird es gelingen.

 

7. Selbst-Wert-Gefühl und der Kampf um die eigene Kostbarkeit
Ein weiterer Wahrnehmungsfilter ist unser Selbstwertgefühl. Je stabiler es ist, umso höher ist die Chance, dass wir Positives erwarten, ergänzen und wahrnehmen. Sigmund Freud bezeichnete den Sexualtrieb und den Trieb nach Anerkennung als die stärksten An-Triebe des Menschen. Beide wirken im psychologischen Konzept des Selbstwertgefühls zusammen. Dass uns der Anschluss zu unserer Gruppe und das der Sexualität innewohnende Überlebensprinzip durch Fortpflanzung so wichtig sind, erklärt sich wieder mit Blick auf unsere Evolutionsgeschichte. Wir kommen hilflos auf die Welt und brauchen den Schutz und die Fürsorge unserer Eltern, um überleben zu können. Zudem war über Hunderttausende von Jahren der Ausschluss aus der Gruppe ein sicheres Todesurteil. Wir wollen dazugehören und geachtet werden und verwenden dementsprechend den größten Teil unserer Lebensenergie darauf, dies zu erreichen. Das Selbstwertgefühl ist die zentrale Einheit des Seins, auf die wir letztlich alles beziehen. Es beschreibt unseren empfundenen Wert gegenüber uns selbst und den anderen der Gruppe, zu der wir gehören wollen oder in der wir leben.
Es ist somit gleichzeitig das Ergebnis wie auch die Basis unserer Kommunikation mit uns selbst und anderen. Wir können erst im Vergleich mit anderen unseren Wert bestimmen und sind teilweise auf Beurteilungen der anderen angewiesen, um diesen Wert zu finden. Diese Beurteilung ist immer das Ergebnis von Kommunikation. Wann immer das Selbstwertgefühl anderer verletzt oder angegriffen wird, wie z.B. bei Kritik, leidet die Kommunikation. Letztlich zielen all unsere Handlungen darauf ab, unser Selbstwertgefühl zu erhalten, zu verteidigen und zu verbessern. Die Kommunikation muss dabei nicht zwischen anwesenden Menschen stattfinden. Es reicht die Auseinandersetzung mit den verinnerlichten Normen (Verbote/ Gebote), die wir durch unsere Erziehung verinnerlicht haben, um das Selbstwertgefühl zu erhöhen oder anzugreifen – z.B., wenn jemand etwas offensiv ablehnt, das wir als richtig empfinden. Das kann auch als Handlung im Abgleich mit dem eigenen Gewissen bezeichnet werden, das sich auf unsere Werte und Normen bezieht. Weitere Faktoren, die das Selbstwertgefühl bzw. seine Erhaltung bestimmen, sind positive Reaktionen der Umwelt auf unser Handeln und Sein. Das bezieht sich sowohl auf die Anerkennung unserer Person als auch auf die Anerkennung unserer Leistung. Letztlich sind die Faktoren Sex und Eros zu nennen, das heißt, wir wollen sowohl als attraktiv wie auch als vertraut wahrgenommen und akzeptiert werden.
Jedes Mal, wenn wir auf diesen Gebieten einen Angriff verspüren, besteht die Gefahr, dass wir automatisch in Verteidigungshaltung gehen und in Verhaltensmuster verfallen, die sich destruktiv auf die Kommunikation mit anderen und mit uns selbst auswirken. Da diese Kategorien im Großen und Ganzen das komplette Spektrum an geäußerter Kritik umfasst, ist es nicht verwunderlich, dass uns der Umgang damit so schwerfällt, wenn wir die dahinter liegenden Prozesse nicht kennen und verstehen lernen.

Über Wert, Wirken und Ohnmacht
Ein weiterer Aspekt des Selbstwertgefühls sowie seiner Erhaltung und Steigerung ist die sogenannte Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit beschreibt das Gefühl, auf seine Welt und sein Leben Einfluss zu nehmen und etwas bewirken zu können. Das Beispiel aus dem Workshop war das angesprochene Rattenexperiment. Die Versuchsgruppe von Ratten wurde hilflos gemacht, indem sie auf die Hand genommen und an der Flucht gehindert wurden. Wenn die Tiere verstehen, dass es keinen Ausweg aus der Situation gibt, werden ihre Fluchtversuche seltener und weniger energisch, bis sie ganz ausbleiben. Die hilflos gemachten Ratten wurden in ein Wasserbecken geworfen, in dem sie nach ca. 30 Minuten aufhörten zu schwimmen. Die Vergleichsgruppe von Ratten, die nicht hilflos gemacht wurden, schwammen dagegen 60 Stunden! Wenn wir das Gefühl haben, unsere Situation aktiv verändern zu können, mobilisieren wir ungemeine Kräfte.

Pessimismus – Schutz und Schmutz
Pessimistisches Denken wird oft als etwas Schlechtes betrachtet oder mit negativen Gedanken assoziiert. Im Workshop wurde diese Perspektive durch die positiven Schutz-Aspekte von Pessimismus ergänzt. Angeführt wurde hierfür die Aussage von Martin Seligman, dass Pessimismus eine der größten Kulturleistungen des Menschen und sicher der Grund dafür sei, dass wir den Neandertaler überlebt haben. Dass wir uns eine Gefahr vorstellen können, bevor sie eintritt, verschafft uns einen großen evolutionären Vorsprung.
Andererseits führt Pessimismus zu unbegründeten negativen Erwartungen über zukünftige Ereignisse und dadurch zur Erwartung des eigenen Scheiterns. Pessimismus kann sich dementsprechend negativ auf die Selbstwirksamkeit und dadurch das Selbstwertgefühl auswirken. Hier wirkt Pessimismus nicht als Schutz vor Gefahren, sondern als Schmutz im Erwartungsfilter. Es gilt demnach, pessimistische Gedanken in Schutzgedanken und Schmutzgedanken zu trennen.
Seligman empfiehlt hierfür das Stellen einer Preisfrage. Wenn Sie bei sich pessimistische Gedanken erkennen, können Sie sich fragen, was ihnen diese Gedanken einbringen, ob der Preis, sie zu denken, angemessen ist, und wie Sie am besten dementsprechend handeln können. Als Beispiele gab es den Piloten, der sich beim Aufblinken einer Warnleuchte fragen sollte, ob die pessimistische Sicht – wenn ich jetzt nichts tue, passiert etwas – angemessen ist, oder ob es besser wäre, positiv zu denken. Oder ob Sie angesichts eines betrunkenen Partygastes, der mit dem eigenen Auto nach Hause fahren möchte, sich fragen, ob etwas passiert (Pessimismus) oder nicht (Optimismus). Wenn Sie selbst besagter Gast gewesen wären und sich seitdem Ihre Gedanken eine Stunde täglich darum drehen, wie Sie auf andere gewirkt haben und was diese jetzt Negatives über Sie denken (Pessimismus), könnte sich die Preisfrage auch hier lohnen.

Das emotionale Stehaufmännchen und die schiefe Achse
Mit all unseren Programmen, kulturellen Prägungen, den damit einhergehenden Auslösern für Stress, den negativen Erwartungen und dem stetigen Kampf um Anerkennung vor uns selbst und anderen haben wir doch in der Regel das Gefühl von Normalität oder einer emotionalen Basis. Im Workshop wurde hierfür das Bild des Stehaufmännchens verwendet, das sich in seinem Normalzustand an einer geraden stehenden Achse ausrichtet. Wenn nun etwas Negatives passiert, wird es in die eine Richtung gestoßen und kommt wieder in seinen Ruhezustand zurück, wenn es sich wieder beruhigt hat. Ebenso kommen wir bei positiven Ereignissen aus dem Gleichgewicht, nur dass wir in die andere Richtung gestoßen werden.
Jetzt zeigt uns die Alltagserfahrung immer wieder, wie viel leichter es ist, unser Umfeld in negative Stimmung zu versetzen als umgekehrt. Das Empathie-Experiment mit der Morsegeschichte sowie die anschließende Vollendung des Satzes „Die Welt ist voller…“, das vor dem Workshop schon mit ca. 12.000 Menschen veranstaltet wurde, zeigt, dass durchschnittlich drei Viertel der Menschen in unserem Kulturkreis eine schiefe, in Richtung Negativität ausgerichtete emotionale Achse in sich tragen.
Diese schiefe Achse ist das Resultat gewachsener kultureller Strukturen und wird durch Erziehung bewusst und unbewusst weitergegeben. Wir leben in einer Kultur, die sich permanent über negative Weltbild-Aussagen definiert und dadurch re-produziert wird. Hier einige Beispiele, mit denen Sie Ihr Gehör und damit Gespür für solche Aussagen schärfen können, um daran lernen zu können, besser mit ihnen umzugehen.
Negative Weltbildaussagen sind: „Da kann man nichts machen!“ „Ich kann nichts dafür.“ „Es ist sinnlos, dagegen anzugehen.“ „Der einzelne ist schwach und kann nichts bewirken.“ „Das Leben ist halt so.“ „Die ‚Sowieso‘ hat mich geärgert.“ „Du brauchst gar nicht erst versuchen, etwas zu unternehmen.“ „Gegen die kommst Du nicht an; da bist du hilflos.“ Und ähnlich. All diese Sätze sind für den Winkel unserer kulturellen Achse verantwortlich. Es sind Annahmen und Erwartungen über die Welt, in der wir leben, und auch wenn wir sie unbewusst aufnehmen und weitergeben, lenken sie den Scheinwerfer unserer bewussten Wahrnehmung. Was uns umgibt, prägt uns. Familie, Mitmenschen, Kolleg*innen, aber auch Medien und ihre Botschaften. Wir lernen von unserer Umgebung durch Imitation, und je weniger bewusst solche Vorgänge ablaufen, umso hilfloser steht man ihnen gegenüber, und das ist gut so, weil das im Umkehrschluss bedeutet, dass wir durch bewusstes Erkennen anders handeln können.

 

Zusammenfassung: Gründe für und Wege aus der Ohnmacht
Das Wissen um die hier beschriebenen Prozesse der Wahrnehmung befähigt, sie zu erkennen und dadurch gestalten zu können. Diese Gestaltungsfreiheit beinhaltet dabei wie jede Freiheit den Aspekt der Verantwortung. Je mehr wir von unserer Freiheit Gebrauch machen und Verantwortung für unsere eigene Wahrnehmung und Kommunikation übernehmen, umso mehr können wir auf unsere Welt einwirken. Diese Zusammenfassung der Workshop-Inhalte soll helfen, Situationen zu erkennen, in denen wir uns unbewusst der Ohnmacht gegenüber unserer Welt ausliefern, und Wege aufzeigen, wie wir in solchen Situationen handlungsfähiger und dadurch freier werden.
Unsere Erfahrungen prägen unsere Sicht der Welt und unsere Wahrnehmung. Wenn wir viel Negatives erfahren haben, stellt sich unser Bewusstsein darauf ein, eben das zu suchen. Wenn wir den Prozess nicht hinterfragen, kommen immer mehr negative Erfahrungen dazu. Das hier gesammelte Material kann diesbezüglich als Werkzeugkasten dienen, sowohl vergangene Erfahrungen zu überdenken als auch zukünftige als aktiv Wahrnehmende zu gestalten.
Wir wünschen uns oft Dinge, die außerhalb unserer Gestaltungsbereichs liegen und durch die wir uns zielstrebig der Ohnmacht ausliefern. Der Stoiker Epiktet bietet hierfür eine Lösung an. Wir müssen unsere Welt in zwei Kategorien teilen. Die eine Kategorie beinhaltet alles, das wir beeinflussen können, z.B. unsere Ansichten und Handlungen, also alles, das von uns selbst ausgeht, das wir leisten können. Die andere umfasst alles, das nicht in unserer Hand liegt, wie z.B. die Tatsache, dass wir sterben müssen, das Wetter und die Meinungen anderer über uns. Was wir verändern können, können wir bestmöglich verändern; was wir nicht verändern können, darüber kann man aufhören, sich Gedanken zu machen, weil jeder dieser Gedanken ein Schritt in Richtung Ohnmacht ist und gleichzeitig Kraft kostet, die in den Bereichen fehlt, wo wir etwas verändern könnten.
Der Bereich, den wir nicht beeinflussen können, muss trotzdem nicht in die Ohnmacht führen, wenn wir uns bewusst mit ihm auseinandersetzten und zu einer selbstgewählten Akzeptanz gelangen. Dagegen kann der Bereich, den wir beeinflussen, zur Ohnmacht führen, wenn wir merken, dass wir eigentlich Tausende von Sachen machen könnten und uns aber die Zeit dazu fehlt. Hier hilft aktives Priorisieren und auch hier die Akzeptanz, nicht alles haben zu können.
Wer sich bei pessimistischen Erwartungen erkennt, kann die Preisfrage stellen und damit unnötige Ohnmachtsphantasien vermeiden, die als wahrgenommene Ohnmacht die Wahrnehmung lenken.
Wer von seinen Emotionen im Stress übermannt wird, kann mit Hilfe der Anti-Ärger-Strategien seinen Stresstopf leeren und damit Zeit gewinnen, um ein bis zwei konstruktive Gedanken zu fassen.
Letztlich besteht noch die Möglichkeit, sich einen Fixstern, ein selbstgewähltes Lebensziel in Form von Werten zu schaffen, an dem die Dinge, die einem widerfahren, relativiert werden können. Auch hier gilt die Preisfrage, ob einen die Reaktionen, die man auf eine bestimmte (Ärger-)Situation zeigt, auf dem Weg zu diesem Ziel weiterbringen – und wenn nicht, ob man sich aktiv gegen die eigenen Reaktionen, die man bisher gezeigt hat, und die Emotionen, die damit einhergehen, entscheiden kann, um selbstbestimmt, also auf seinem selbstbestimmten Weg zu bleiben.

Quellen und weiterführendes Material:
- Stroh im Kopf? Vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer. Vera F. Birkenbihl, MVG Verlag, 44. Auflage (2005)
- Kommunikationstraining. Zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten. Vera F. Birkenbihl, MVG Verlag, 37. Auflage (2017)
- Signale des Körpers. Körpersprache verstehen. Vera F. Birkenbihl, MVG Verlag, 20. Auflage (2007)
- Anleitung zum Unglücklichsein. Paul Watzlawick, Piper Verlag, 24. Auflage (2002) (oder: https://www.youtube.com/watch?v=AeMfh8gs2s0
- Handbüchlein der Moral. Epiktet, Reclam (2019)
- Das Leben ist kurz. Seneca (https://www.youtube.com/watch?v=v4KJt3LgaOg)
- Kirschners Lebensschule. So lernt man, sich selbst zu lenken. Sechs einfache Techniken sein Leben zu ändern. Droemersche Verlagsanstalt (1984)

Feedback und Kontakt:
Das Workshop-Programm Potentialentfaltung ist ein Work-in-Progress-Projekt. Über Feedback, Anmerkungen, Anregungen und Kritik zu Veranstaltungen, Handouts und Materialien freue ich mich sehr. Ich wünsche viel Erfolg und Gelassenheit und freue mich auf zukünftige Workshops.

Herzliche Grüße,
André Körner Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Dr. phil. André Körner
Leiter der Kulturabteilung (CBT Kultur-Praxis)

Am Propsthof 3
53121 Bonn

Tel. 0176 640 24477
Mail: a.koerner@cbtmed.de

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